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Am Rande des Infernos

Im August 2002 wurde ein Tonband-Mitschnitt bekannt, der die Kommunikation zwischen der Feuerwehr-Leitstelle und FDNY-Chief Orio Palmer beinhaltet (siehe auch New York Times). Das Tonband dokumentiert, daß Palmer bis zum 78. Stockwerk im Südtower vordringen konnte. Im November 2002 wurde der Inhalt des Tonbandes veröffentlicht. (Quelle, Transkript und Audio-File)

Die Informationen wurden umgehend als Indiz gegen die ‘offizielle’ Version verwendet:
Sie [zwei Feuerwehrmänner des FDNY; Anm von mir] gelangten sogar bis in das 78. Stockwerk - unmittelbar an den Brandherd - und forderten von dort per Funk Verstärkung durch weitere Feuerwehreinheiten an [...]. Diese Feuerwehrleute wurden folglich nicht durch eine Temperatur, die Edelstahl zum Schmelzen bringen kann, behindert. Es können daher auch nicht Temperaturen von 900 bis 1100 Grad Celsius vor Ort geherrscht haben, wie es der Feuerprüfungsbericht der FEMA unterstellt. (Andreas von Bülow; Die CIA und der 11. September, S. 141)

Der Buchautor bezieht sich auf den FEMA-Bericht, ohne eine konkrete Textstelle im Quellenverzeichnis anzugeben. Das hat einen Grund, denn die entsprechende Passage im FEMA-Bericht lautet:
The modeling also suggests ceiling gas temperatures of 1000 Grad Celsius (1800 Grad Fahrenheit), with an estimated confidence of +/- 100 Grad Celsius (200 Grad Fahrenheit) [...]. A major portion of the uncertainty in these estimates is due to the scarcity of data regarding the initial conditions within the building and how the aircraft impact changed the geometry and fuel loading. Temperatures may have been as high as 900-1100 Grad Celsius in some areas and 400-800 Grad Celsius in others. (WTC Building Performance Study, S. 2-22)

Vermutlich hat Andreas von Bülow auch diese Behauptung lediglich von Christopher Bollyn aus diesem Artikel vom 08.08.2002 übernommen. Bollyn schreibt folgendes:
These reports from the scene of the crash provide crucial evidence debunking the government's unfounded claim that a raging steel-melting inferno led to the tower's collapse. As the FEMA 'Building Performance Assessment' report says, "Temperatures may have been as high as 900 - 1,100 C. (1,700 - 2,000 F.) in some areas.

Es handelt sich um eine Zitatfälschung, denn der vollständige Satz lautet:
Temperatures may have been as high as 900-1100 Grad Celsius (1,700 - 2,000 F.) in some areas and 400- 800 Grad Celsius (800-1500 F.) in others. (WTC Building Performance Study, S. 2-22) [Hervorhebung von mir]

Der Hinweis auf die niedrigeren Temperaturen wird von diesem einschlägig bekannten Zweifel-Pionier nicht ohne Grund weggefälscht. Andreas von Bülow hätte diese Peinlichkeit vermieden, wenn er tatsächlich den FEMA-Report gelesen hätte, wie es der Quellenverweis pseudo-seriös vortäuscht.

Weitere Passagen im FEMA-Report beschreiben das differenzierte Bild:
This videotape suggests that, in the minutes immediatly preceeding the collapse, the most intensive fires occured along the north face of the building, near the 80th floor level. (WTC Building Performance Study, S. 2-34)

Welche Angaben liegen also im FEMA-Report vor, der im Mai 2002 veröffentlicht wurde?

1. Eine Schätzung aufgrund von Modellrechnungen. Der Temperatur-Rahmen umfasst hierbei 400 bis 1100 Grad Celsius, je nach betroffenem Gebäudebereich. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, daß es sich um Schätzungen handelt und Unwägbarkeiten enthalten sind.

2. Die höchsten Temperaturen (“the most intensive fires”) werden für die Nordseite im Bereich des 80. Stockwerkes postuliert.

Diese Angaben lassen für das 78. Stockwerk natürlich nur bedingt Rückschlüsse zu. Demnach sind die Behauptungen des eingangs zitierten Autors - stellvertretend für alle ähnlich argumentierenden ‘Zweifler’ -  irreführend.

Das Dilemma der irreführenden Berichterstattung wird von Prof. Thomas W. Eagar (Materialwissenschaftler am MIT) auf den Punkt gebracht:
Even today, the media report (and many scientists believe) that the steel melted. It is argued that the jet fuel burns very hot, especially with so much fuel present. This is not true. Part of the problem is that people (including engineers) often confuse temperature and heat. [...]
Thus, the fact that there were 90,000 L of jet fuel on a few floors of the WTC does not mean that this was an unusually hot fire. The temperature of the fire at the WTC was not unusual, and it was most definitely not capable of melting steel [...] All reports that the steel melted at 1,500°C are using imprecise terminology at best. [...] The temperature of the fire was not uniform everywhere, and the temperature on the outside of the box columns was clearly lower than on the side facing the fire. The temperature along the 18 m long joists was certainly not uniform.
(Quelle)

Eine fast schon banale Botschaft - oftmals ignoriert:
Die Temperaturen schwankten entsprechend der limitierenden Faktoren in einigen Bereichen sehr stark.

Was der FEMA-Bericht in den Details noch nicht leisten konnte, hat der wesentlich umfangreichere NIST-Report zum Inhalt. Da findet man u.a. folgendes:
Shortly after the aircraft impact, only relatively small isolated fires were visible on the south face on the 78th floor, located just to the right of the aircraft impact cavity, and the 79th floor, within the cavity. (NIST NCSTAR 1-5, S. 30)

There was only light fire observed on the 78th floor, and this behavior is reflected in the numerical simulation. The impact analysis (NIST NCSTAR 1-2) predicted that a small amount of jet fuel was released on this floor. Given the modest number of window openings and the estimated light core damage, the numerical simulation of the fire did not predict any areas of significant temperatures. (NIST NCSTAR 1-5, S.109)

Folgende Aufnahmen vermitteln einen Eindruck davon, wie unterschiedlich stark die einzelnen Stockwerke zu unterschiedlichen Zeitpunkten betroffen waren - insbesondere auch das 78. Stockwerk:
 

nist-wtc2-east9-1

NIST NCSTAR 1-5A, S.298 (Achtung, 42 MByte)

nist-wtc2-east9-13

NIST NCSTAR 1-5A, S.310 (Achtung, 42 MByte)

WTC2Floors_b

NIST NCSTAR 1-5, S.33 (Achtung, 60 MByte)

Eine andere Perspektive zu unterschiedlichen Zeitpunkten:
 

nist-wtc2-north9-16

NIST NCSTAR 1-5A, S.313 (Achtung, 42 MByte)

wtc2-fontana-minore

NIST NCSTAR 1-5A, S.330 (Achtung, 42 MByte)

nist-wtc2-north7-32

NIST NCSTAR 1-5A, S.117, (Achtung, 46 MByte)

Die fotografischen Momentaufnahmen verdeutlichen es nochmals:
Das 78. Stockwerk gehört lediglich zum peripheren Brandbereich und hat keinerlei Aussagekraft über die Intensität oder Ausdehnung darüberliegender Brände.
Die visuellen Beweise wurden im NIST-Report chronologisch in Grafiken übertragen, die den jeweiligen ‘Rundumblick’ zeigen. Im Zusammenhang mit der Palmer-Meldung ist insbesondere die letzte Viertelstunde vor dem Kollaps von Relevanz:
 

nist-wtc2-fire-late

NIST NCSTAR 1-5A, S.399 (Achtung, 42 MByte)

Die Methodik von Machwerken wie LOOSE CHANCE 2 lässt sich auch mit diesem konkreten Mosaiksteinchen dokumentieren:
Chief Palmer hatte das Feuer im 78. Stock des Südturms erreicht und hatte einen Plan, es zu löschen.
Audiomitschnitt: “Leiter 15, wir haben zwei isolierte Brandherde hier. Es müsste mit zwei Schläuchen zu schaffen sein.”
Wenn das 78. Stockwerk ein Feuerinferno war, wie uns die Regierung glauben machen will, dann wäre Palmer nicht so weit gekommen. Und mit Sicherheit wäre er nicht in der Lage gewesen, es zu löschen.
(LOOSE CHANGE 2, 48:55-49:25)

Es ist nicht “die Regierung, die uns das glauben machen will”.
Es ist LOOSE CHANGE, das uns glauben machen will, es wäre die Regierung. Oben ist der Sachverhalt nachprüfbar dokumentiert. So wurden von der Zweifler-Szene ‘Ungereimtheiten’ am Fließband produziert.

Im NIST-Projekt-Report Reconstruction of the Fires in the World Trade Center Towers (Achtung, 60 MByte!) wurden u.a. Modelle für die Temperaturentwicklung einzelner Stockwerke im zeitlichen Verlauf dargestellt:
 

nist-78d

78. Etage

nist-80d

80. Etage

nist-82d

82. Etage

nist-79d

79. Etage

nist-81d

81. Etage

nist-83d

83. Etage

Fazit:

Die ‘offiziellen’ Publikationen - also die Studien von FEMA u. NIST - beschreiben von Anfang an differenzierte Temperaturverteilungen. Die umfangreiche NIST-Studie enthält darüberhinaus stockwerkbezogene Analysen der Temperaturen, die sehr heterogene Entwicklungen dokumentieren.

Wer den notwendigen Sachverstand und überprüfbare Argumente besitzt, kann  natürlich Zweifel zu dieser Rekonstruktionen vorbringen.
An dieser Stelle geht es jedoch um etwas anderes - um den verzerrenden, instrumentalisierenden Umgang von ‘Verschwörungstheoretikern’ mit der vorliegenden ‘offiziellen’ Darstellung.

Entsprechend vorsichtig ist MOSAIK911 deshalb auch gegenüber pseudo-fundierten Web-Initiativen wie z.B. FireFighters for 9-11 Truth (siehe hierzu auch die Diskussion in einem echten Firefighter-Forum). Unter der Überschrift ‘Evidence of Controlled Demolition at the WTC” ist dort u.a. zu lesen:
5. The fires were not raging infernos. Quite to the contrary, they were controllable fires. F.D.N.Y. Battalion 7 Chief Orio Palmer, a marathon runner, reached the “hot spot” on the 78th floor of the South Tower.

Als Orio Palmer die 78. Etage erreichte. gab es keinen “hot spot” mehr. Es handelte sich um eines der peripher betroffenen Stockwerke. Von diesem Stockwerk, das als sogenannte Skylobby im Kernbereich zudem relativ wenig Brandlast bot, lässt sich nicht auf andere Bereiche in anderen Stockwerken schliessen.

Gleichgültig, ob unter dem Logo ‘Firefighter4Truth’, ‘Zweifler4Truth’ oder ‘Hellseher4Truth’.
 

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